Joly und die zwei Davids - Pilgerabenteuer in Norwegen

Was bringt drei Kerle dazu, auf eine Pilgerwanderung zu gehen? Vom Wildcampen im strömenden Regen, Angriffen von den vielleicht kleinsten Tieren Norwegens und wochenlangem Wandern.

Geschrieben von Tirza Meyer 15.04.2015 Tirza Meyer

Im Winter 2009 war Joly Braime aus England zum ersten Mal am Nidarosdom in Trondheim.  Dort wurde er auf eine Tafel aufmerksam, auf der der St. Olavsweg beschrieben wird. Die Idee, auf eine Pilgerwanderung in Norwegen zu gehen, schwirrte ihm  fünf Jahre lang im Kopf herum. Im Sommer 2014 war es dann endlich soweit, er wechselte von seinem festen Job in die Selbstständigkeit und hatte dazwischen genau einen Monat Zeit, um von Oslo nach Trondheim zu wandern. Sein Kumpel Dave sollte für zwei Wochen einfliegen, um ihn zu begleiten, den Rest  der Strecke wollte er alleine gehen. Aber schon in den ersten Tagen begegnete ihm immer wieder einen freundlichen amerikanischen Pilger aus Michigan, der auch Dave hieß. Nachdem sich ihre Wege mehrfach gekreuzt hatten, glichen sie sich im Wandertempo an und gingen gemeinsam weiter. Joly erzählt von seiner Reise mit den beiden Daves und den verrückten  Abenteuern, die sie auf ihrer Wanderung nach Trondheim erlebten. Was hat dich so daran fasziniert, gerade in Norwegen zu Pilgern?

Joly macht eine Pause Foto: David Tett

Was hat dich so daran fasziniert, gerade in Norwegen zu Pilgern?

Die Vorstellung, den ganzen Tag zu wandern und sich dann einen Schlafplatz für die Nacht zu suchen, kam mir wie ein Abenteuer vor. Und ich hatte wirklich Lust, das Wildcampen richtig auszunutzen. In England ist es nämlich fast überall verboten.

Gibt es einen Unterschied zwischen normalem Wandern und Pilgern?  

Wandern an sich hat viele schöne Seiten, aber wenn man pilgert, sehen die Leute einen mit anderen Augen. Alle in der Gegend kennen den Pilgerweg und alle wussten, dass wir Pilger sind. Als  Pilger, vor allem mit riesigem Rucksack, wirkt man total harmlos. Niemand hat Angst vor dir. Wir waren eine Gruppe Kerle, Ende 20, Anfang 30, und alte, gebrechliche Damen luden uns in ihre Häuser ein. In einer anderen Situation wäre das niemals passiert. Die Gastfreundschaft war sehr beeindruckend, das gibt es in Großbritannien nicht so häufig.

Glaubst du, das ist typisch für Norwegen?

Norwegen ist ein richtiges Outdoor-Land und viele Leute wandern selbst gerne. Uns wurde oft weitergeholfen. Einmal mussten wir bei Oppdal durch ein Gewitter gehen. Es regnete in Strömen und wir trotteten mit gesenkten Köpfen den Weg entlang, während Blitz und Donner über uns wüteten. Zum Glück guckte mein Freund David auf und sah einen Farmer, der uns von seiner Terrasse aus zuwinkte. Er lud uns zu sich ein und servierte uns Kaffee. Wir saßen ewig bei ihm auf der Terrasse. Als der Regen schwächer wurde, sind wir unseres Weges gegangen.

Die drei Freunde sind am Dale Gudbrands Gård angekommen (V. l. n. r.: David Briceland (USA), David Tett (GB) und Joly) Foto: David Tett

Norweger haben manchmal den Ruf, kühl und zurückhaltend zu sein. In diesem Zusammenhang scheint das nicht zuzutreffen?

Ich habe das überhaupt nicht so erlebt. Ganz im Gegenteil! Der Sommer war wirklich heiß. Ich erinnere mich an einen Tag, ich schleppte mich förmlich die Straße entlang, plötzlich kam eine Frau aus ihrem Garten gelaufen, um mir eine Flasche kaltes Wasser zu bringen. Zum Schluss lud sie mich zu sich nach Hause ein, auf einen Kaffee und etwas zu essen mit der Familie. So etwas  kam ziemlich häufig vor.

Hast du Erfahrungen gemacht, die man auf einer „normalen“ Wanderung nicht machen würde?

Tatsächlich waren die Kirchen entlang des Weges sehr interessant. Keiner von uns ist besonders religiös, aber die Kirchen  sind gute Orte, um kurz innezuhalten und ein bisschen nachzudenken. Wenn wir an eine offene Kirche kamen, gingen wir hinein, saßen für zehn oder fünfzehn Minuten still da und hingen unseren Gedanken nach. Das waren besondere Augenblicke, die man auf einer  simplen Wanderung nicht haben würde. Die Kirchen sind spirituelle und friedliche Orte und sie waren so unterschiedlich! Es gibt Holzkirchen  und Schieferkirchen, manche sind sehr alt und manche sehr modern. In einigen Kirchen haben uns Leute Führungen angeboten oder einfach ein bisschen über die  Kirche erzählt. Es gibt viele Aspekte von Norwegen, denen ich nie Beachtung geschenkt habe, kulturelles und geschichtliches, von dem ich nichts wusste, bis mir in der Kirche jemand alles gezeigt und die Geschichte dazu erklärt hat.  

Besinnliche Pause im Kirchhof Foto: David Tett

Glaubst du, man ist auf einer Pilgerwanderung offener für solche Erlebnisse, als im Alltag?

Dein Leben ist auf die simplen Fragen „Wie komme ich von A nach B?“, „Wo schlafe ich am Ende des Tages?“ und „Was esse ich?“ reduziert. Die restliche Zeit ist Vergnügen. Das macht einem den Kopf frei und man bekommt eine andere Sicht auf die Dinge.

Als Pilger wird man sofort erkannt. Man fühlt sich auf eine sehr altmodische Art und Weise gut aufgehoben, es wird sich um einen gekümmert.

Warum fängt man bei einer Pilgerwanderung an, sich  die großen Lebensfragen zu stellen?

Man hat einfach viel Zeit, um nachzudenken, aber vielleicht ist das auch so, weil der Weg dazu gedacht ist, dass die Leute innehalten und nachdenken. Man kann es fast nicht verhindern. Man geht schließlich eine Strecke, die schon seit hunderten von Jahren von Menschen gegangen wird. Das gibt der Wanderung einen besonderen, spirituellen Aspekt. Wie man behandelt wird ist auch wichtig. Als Pilger wird man sofort erkannt. Man fühlt sich auf eine sehr altmodische Art und Weise gut aufgehoben, es wird sich um einen gekümmert.

Wie kümmern sich die Leute um einen?

Man hat das Gefühl, dass die Leute, die entlang dem  Weg wohnen, schon seit langer Zeit ein Auge auf die Pilger haben und dafür sorgen, dass sie nicht vom Weg abkommen Einmal hatte ich eine Abbiegung verpasst und ein Mann hielt sein Auto an und sagte: „Du musst da hinten abbiegen“. Ein andermal rief mir eine Frau von ihrer Terrasse zu, um mich auf den richtigen Weg zurück zu dirigieren, oder ein Bauer sprang von seinem Traktor runter, um uns die richtige Richtung zu zeigen. Jedes Mal, wenn wir uns verirrten, gab es jemanden, der uns zurück auf den Weg führen konnte,. Leute luden uns in ihre Häuser ein, die Frau am Campingplatz schob uns ein paar  Duschmünzen gratis über die Theke oder wir bekamen ein bisschen Milch. Es ist interessant, mal in diese Rolle zu schlüpfen.

Hast du Pläne, nochmal auf eine Pilgerwanderung zu gehen?

Wenn man eine große Tour geht, will man das immer wieder machen. Man wird das irgendwie nicht los,  Pfade wie der St. Olavsweg sind abenteuerlich, aber trotzdem begehbar. Man kann an vielen Orten sein Proviant aufstocken, der Pfad ist gut markiert und Hilfe ist nie weit, sollte doch mal was passieren. Man muss nicht super ausgestattet oder schwer bewaffnet sein. Tatsächlich hatte Dave, mein Freund aus Amerika, nicht mal ein Zelt dabei.  

Das ist riskant.

Es ist verrückt. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, ein echtes „Zurück-zur-Natur-Erlebnis“ zu haben, also hatte er nur einen Schlafsack, eine Isomatte und einen Poncho dabei.  

In den Bergen kann es auch im Sommer schneien.

Das hab ich mir auch gedacht, erstaunlicherweise schneite es aber nicht. Er hatte wirklich unglaubliches Glück, besonders, als wir übers Dovrefjell gewandert sind. Wir hatten drei Tage lang den schönsten Sonnenschein und konnten beobachten, wie im Tal Stürme auf uns zu gezogen kamen, die dann in einem anderen Tal verschwunden sind. Wir kamen erst in der letzten Nacht bei Oppdal in den Regen. Trotzdem hatte Dave ein paar ganz schön ekelhafte Nächte auf der Tour. Manchmal wachte ich auf und fand ihn in seinem Poncho zitternd unter einem Baum Schutz suchen. Ich sagte: „Mann, besorg dir ein Zelt!” Aber er ließ sich nicht davon abbringen und schlief fast alle 29 Nächte unter freiem Himmel. Er hat es geliebt, er ist einfach viel zäher als ich! Immerhin musste er nicht so viel schleppen wie ich. Er hatte einen 50- Liter-Rucksack, auf den er seinen Schlafsack geschnallt hatte. Er hüpfte den Pfad entlang, während ich mich mit meinem Essen und der ganzen Ausstattung hinterherschleppte. Ich hatte viel zu viel Essen dabei. Mir war nicht klar, wie einfach es sein würde, sich auf dem Weg mit Lebensmitteln einzudecken.  

Wilcampen im Dovrefjell Foto: David Tett
Im Gebirge findet man auch im Sommer noch Schneeflecken Foto: David Tett

Wir haben ja gerade vom Wildcampen geredet, wusstest du, dass es wilde Tiere in Norwegen gibt? Wölfe und Bären zum Beispiel?

Ich habe im Voraus ein paar Nachforschungen angestellt, um sicher zu gehen, dass die Wölfe und Bären in anderen Teilen des Landes leben. Die einzigen wilden Tiere, mit denen ich Probleme hatte, waren Lemminge.

Von allen Tieren, die es in Norwegen gibt, hattest du Probleme mit Lemmingen?

Ich glaube jedenfalls, dass es Lemminge waren – sie sahen aus wie kleine, braune und goldene Hamster. Sie waren wirklich aggressiv. In einer Nacht hatte ich mein Zelt wohl in der Nähe eines ihrer Nester aufgeschlagen. Ich wurde mitten in der Nacht angegriffen. Es war total absurd. Sie standen quiekend und fauchend auf ihren Hinterbeinen im Vorzelt und sind unter der Zeltplane am Boden hin und her gerannt. Erst habe ich versucht, weiter zu schlafen, aber ich musste mich geschlagen geben, es war zu laut. Es war verrückt. Das war wirklich das seltsamste Erlebnis, das ich je hatte. Sogar mein Freund konnte das Spektakel im Zelt ein paar Meter weiter hören.

Lemminge sind nicht besonders groß, oder?

Sie sind winzig. Die vielleicht kleinsten Tiere Norwegens haben mich besiegt.  Manchmal sahen wir sie tagsüber auf dem Weg. Wenn sie nicht schon tot waren, standen sie auf ihren Hinterbeinen und wedelten mit ihren Pfoten in unsere Richtung. Wir dachten uns: „Deswegen sehen wir so viele tote Lemminge - sie haben offenbar keine Ahnung, wer oder was größer als sie ist.“

Foto: David Tett

Wir haben alle drei viel Zeit damit verbracht, Traumschlösser zu bauen und uns unsere Zukunft auszumalen.

Man hört oft, dass Leute auf einer Pilgerwanderung einschneidende Erfahrungen fürs Leben machen. Wart ihr auch an Punkten in eurem Leben, an denen  ihr euch die großen Lebensfragen gestellt habt?

Wir haben alle drei viel Zeit damit verbracht, Traumschlösser zu bauen und uns unsere Zukunft auszumalen. Wir waren alle an interessanten Punkten …Ich hatte gerade London verlassen, wo ich jahrelang gelebt hatte, war in den Norden gezogen und startete in die Selbstständigkeit. Mein Freund Dave überlegte, seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen, (nicht, dass er es damals zugegeben hätte, natürlich nicht, aber kurze Zeit später waren sie verlobt, der Gedanke muss ihm also durch den Kopf gegangen sein.) Der andere Dave, mein Freund aus Amerika, hatte als Englischlehrer erst in Russland und dann in Spanien gearbeitet. Nach einer Zeit im Ausland wollte er zurück nach Michigan ziehen, um zu sehen, ob er sich dort ein Leben aufbauen konnte. Wir stellten uns  alle einige große Lebensfragen und verbrachten viel Zeit damit, über unsere Zukunft zu reden.

Wie war es, das Ziel zu erreichen?

Es war großartig und der Zeitpunkt war perfekt. Als wir nach Trondheim hineinwanderten, war dort gerade das Olavs Festival in vollem Gange. Am Domplatz gab es einen  Mittelaltermarkt und es kam uns vor, als wären wir geradewegs ins Mittelalter gewandert. Die ganze Zeit war alles still und friedlich gewesen und plötzlich kamen wir ins Gewühl der Stadt. Trondheim ist wirklich eine schöne Stadt und der Dom ist beeindruckend. Wir wurden fast sofort von einem Pilgerpfarrer entdeckt. Er kam auf uns zu und sagte: „Ihr seid Pilger und gerade angekommen? Herzlichen Glückwunsch”. Wir kamen uns wie Helden vor. Man hat das Gefühl, etwas Großes geschafft zu haben. Im Pilgerzentrum wurden wir auch sehr herzlich begrüßt. Das war bei allen Pilgerzentren auf dem Weg ähnlich. Alle freuen sich, einen zu sehen, man setzt sich, bekommt Kaffee und tauscht ein paar Geschichten aus. Das hat uns sehr gefallen. In Voll hatten sie sogar Waffeln mit Marmelade und Schlagsahne für uns. Bei einem solchen Empfang fühlt man sich wie eine kleine Berühmtheit.  

War es schwierig, wieder in den Alltag zurückzufinden?

Wir sind in Trondheim angekommen, hatten unsere kleine Feier am Abend und am nächsten Tag bin ich zurück nach Hause geflogen. Am nächsten Vormittag, als alles gewaschen war, die Kleider im Garten an der Wäscheleine hingen und meine Stiefel geputzt und gewichst im Regal standen, dachte ich plötzlich?: „Ich muss heute nirgendwohin gehen.“ Man hat sich daran gewöhnt, jeden Tag eine Strecke zurückzulegen, es ist komisch, plötzlich damit aufzuhören.    

Was hat dir an deiner Tour am besten gefallen?

Die Freiheit, die man mit einem Zelt hat, ist herrlich. Man muss nicht planen, wo man als nächstes schläft. Wir wussten erst drei Tage, bevor wir nach Trondheim kamen, an welchem Tag wir ankommen würden. Die langen Sommertage sind auch sehr entspannend. Manchmal hielten wir ein Mittagschläfchen in einem der kleinen Kirchhöfe oder lasen ein Buch im Schatten, während die Mittagssonne am heißesten war. Es gab wunderbare Badestellen und wir haben oft Rast gemacht, um ein kurzes Bad zu nehmen.

Es gibt genug Geschäfte, man kann sich mit Lebensmitteln eindecken, wer möchte kann drinnen schlafen und die Beschilderung ist gut. Eine prima Mischung zwischen der Freiheit, die man möchte, und der Infrastruktur, die man braucht.

Sehnsucht nach Lagerfeuer? Foto: David Tett
Begegnungen Foto: David Tett
Eine guter Ort für eine Abkühlung Foto: David Tett
Endlich angekommen Foto: Joly

Die Bilder machte David Tett, der als professioneller Photograph in London arbeitet. Mehr Bilder von der Tour gibt es auf seiner Homepage unter: http://www.davidtett.com/pilgrimstrail

Joly und Dave haben einen kurzen englischsprachigen Pilgerführer entworfen. Schau auf Jolys Homepage vorbei. Hier kannst du mehr über seine Pilgerwanderung lese oder den Pilgerführer herunterladen:: http://www.jolybraime.co.uk/blog/?p=2222

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