FREUNDINNEN AUF PILGERWANDERUNG

Die Norweger sind gerne draußen in der Natur. Sie sind, so heißt es, mehr im Freien unterwegs als die meisten anderen Europäer.

Geschrieben von Gunn Merete Roll 02.06.2017 Gunn Merete Roll

Sonntagsausflüge mit Kaffee und dem mittlerweile zum Kult gewordenen Schokokeks „Kvikk Lunsj“ sind die Grundfesten der norwegischen Volksseele.
Immer mehr Menschen unternehmen in den Sommerferien oder an langen Wochenenden im Frühjahr und Herbst Bergwanderungen. In jüngster Zeit ist das Wandern auf dem Pilgerweg nach Trondheim eine beliebte Alternative zum traditionellen Bergwandern geworden.

In Norwegen gibt es ein Netz aus nicht weniger als sieben Pilgerwegen, auch St. Olavswege genannt, die alle zum Nidarosdom führen. Hier folgt man den gleichen historischen Pfaden, die schon tausende andere Pilger vor einem gegangen sind. Die Pilgerwege führen durch eine Kulturlandschaft mit kleinen und großen Höfen, vorbei an Dörfern und hinauf zu malerischen Almen. Man folgt Flussläufen und Seen  überquert reizvolle Berghöhen und überschreitet das Dach Norwegens – das majestätische Dovrefjell.

IN ETAPPEN ZUM ZIEL

Die Pilgerwege in Norwegen sind 151 km bis 643 km lang. Der kürzeste Weg ist der Nordweg, der von Grong nach Stiklestad führt, der längste ist der Gudbrandsdalsweg von Oslo nach Trondheim. Es würde etwa 5 Wochen dauern, den längsten Weg zurückzulegen. Aber wer sagt denn, dass man ihn an einem Stück bewältigen muss?

Die meisten Pilger, die auf dem insgesamt 800 km langen Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Spanien wandern, teilen ihn sich in Etappen ein. Im darauf folgenden Jahr gehen sie dann von dort weiter, wo sie im Vorjahr angekommen waren. Die vielen Etappen lassen sich dann über mehrere Jahre verteilt bewältigen. In Norwegen zeigt sich bei den Pilgern der gleiche Trend.

Die Gesprächsthemen reichen von Blasen und Mücken bis hin zu philosophischen Betrachtungen, wenn sich die Pilger abends um den Tisch versammeln – wie hier auf dem historischen Bauernhof Budsjord etwas südlich von Dovre. Foto: Eskil Roll

KURZE UND LANGE TOUREN

Ganz gleich, ob man sich für kurze oder lange Strecken entscheidet – da mehrere Stellen des Wegs mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind, lässt sich eine Woche oder ein langes Wochenende auf dem Pilgerweg problemlos planen. Diese Möglichkeit wird von immer mehr Pilgern wahrgenommen. Zu denen gehören auch die Freundinnen Mari Sveen Kvam und Anne Helseth Udal, die wir auf dem unter Denkmalschutz stehenden Bauernhof Budsjord kurz vor ihrer Überquerung des Dovrefjells antreffen.

„Wir kennen uns seit Studientagen und sind seit mittlerweile über 30 Jahren befreundet“, erzählen sie. Seit Beginn ihrer Wanderung in Oslo haben sie bereits sieben Etappen zurückgelegt. „Unsere erste gemeinsame Wanderung war eine Tagestour vom Mittelalterpark in Oslo durch Bærum nach Lommedalen.“ Im darauf folgenden Jahr begannen sie in Lommedalen und brauchten sechs Tage für die Durchquerung von Toten und Hadeland bis Gudbrandsdalen, um dann oberhalb des Tals bis zum Dovrefjell weiter zu wandern.

„Wir wandern täglich je nach Gelände und An- und Abfahrtszeiten der Bahn 15 bis 20 km. Uns kommt sehr gelegen, die Tagesetappen ganz flexibel nach Lust und Laune beginnen und beenden zu können“, erzählen sie. „Für uns ist das Pilgern mittlerweile zu einer Tradition geworden, die wir nicht mehr missen möchten. Es gibt uns die einzigartige Möglichkeit, Natur und Kulturlandschaft entlang des Weges intensiv zu erleben.“ 

Es unterscheidet sich ihrer Erfahrung nach vom üblichen Bergwandern, da man unterschiedlichste Pfade und die Besonderheit der Natur, Kultur und Geschichte näher kennenlernt. Und man kann unterwegs beobachten, wie sich die Umgebung verändert – von einer landwirtschaftlich geprägten Landschaft im Süden zu Tälern und Berghöhen in Richtung Norden.

Mari Sveen Kvam, Anne Helseth Udal und Markus Holzmann begleiteten einander auf dem Weg hinauf zum Dovrefjell. Foto: Eskil Roll

NAH AN NATUR UND MENSCHEN

„Für uns ist das Wandern selbstverständlich ein tolles Naturerlebnis, aber wir legen auch großen Wert auf die Begegnungen mit Gastgebern und anderen Pilgern, denn diese sind etwas ganz Besonderes. Wir haben bereits Menschen aus vielen Ländern auf Pilgerreise getroffen und näher kennengelernt.“

DER INNERE WEG

Mari Sveen Kvam und Anne Helseth Udal haben festgestellt, dass sich beim Wandern mit Stöcken ein eigener Rhythmus einstellt. Diese Eintönigkeit des Abstoßens mit den Stöcken führt zu einer Art Achtsamkeits-Effekt. „Dann ist Platz für die „großen“ Gedanken wie der Sinn des Lebens, das Mysterium des Leidens, Gottes Hand über den Menschen und ähnliche philosophische Betrachtungen.“ Eindrucksvoll sei es auch, andere Pilger zu treffen, die von Lebenskrisen berichten und denen Wandern als eine Art Therapie dient.

WARMHERZIGE UND ZUVORKOMMENDE GASTGEBER

Sie können die Gastfreundschaft und Herzensgüte der Gastgeber in den Unterkünften nicht genug loben. „Dass wir als Pilger so toll empfangen werden, macht das Wandern zu einem einzigartigen Erlebnis. Wir haben in ganz tollen Unterkünften gewohnt, aber ganz besonders hat uns Fokstugu in Dovre gefallen. Dort werden die alten Pilgertraditionen wie Morgenmesse und Abendmesse gepflegt.

Auch der Engelshus gård ganz im Norden des Gudbrandsdalen ist Klasse. Dort gibt es die nettesten und fürsorglichsten Wirtsleute, die man sich wünschen kann. Bei der Unterkunft handelt es sich um einen unglaublich schön restaurierten alten Bauernhof. Wir bekamen tolles Essen im Wohnzimmer der Familie und durften in einem der schönsten Schlafzimmer übernachten, in dem ich je geschlafen habe“, sagt Anne Helseth Udal.

Mari Sveen Kvam und Anne Helseth Udal legen großen Wert darauf, unterwegs gut zu schlafen und zu essen. ­Daher haben sie nicht mehr dabei, als sie bequem tragen können und Zelt und Schlafsack zu Hause gelassen. „Wir nehmen so wenig wie möglich mit. Unterwegs beschafft man sich das an Essen, was man benötigt. Und sollte das Wetter mal umschlagen, kann man ganz bequem den nächsten Bus oder Zug nach Hause nehmen“, berichten sie.

 

 

EINE SCHÖNE TRADITION FÜR FREUNDE

„Wir werden Trondheim und den Nidarosdom schon noch erreichen“, meinen beide lachend. „Für uns sind die Wanderung und die Erlebnisse unterwegs am wichtigsten, aber wir freuen uns selbstverständlich auch, am Ende die Stadt zu erreichen, in der wir einst studiert haben!“

Sie können die Pilgerwanderung als gemeinsame Tour für Freundinnen und Freunde nur empfehlen. Für sie sei es mittlerweile eine alljährlich wiederkehrende Tradition, die sie nicht mehr missen möchten.

Mari Sveen Kvam und Anne Helseth Udal haben auf ihren Etappen auf dem Pilgerweg schon in vielen liebenswerten Unterkünften übernachtet. Fokstugu in Dovre hat ihnen jedoch ganz besonders gefallen. Foto: Eskil Roll

Tipps!

  • Sich den Pilgerweg von Oslo nach Trondheim in mehrere Etappen einzuteilen, ist für Familien und Freunde genau das Richtige.
  • In mehreren Unterkünften werden sowohl Tellergerichte als auch 3-Gänge-Menüs aus regionalen Zutaten sowie Frühstück und ein Lunchpaket angeboten, dass man sich selbst richtet.
  • Es werden auch organisierte Wanderungen mit Guide angeboten und es gibt Pauschalreisen, die Verpflegung, Übernachtung und Gepäcktransport von Unterkunft zu Unterkunft beinhalten. Weitere Informationen finden Sie unter „Tourvorschläge“ auf pilegrimsleden.no.
  • Der Gudbrandsdalsweg ist 643 km lang und bestens dafür geeignet, in mehrere Etappen geteilt zu werden, da er an vielen Dörfern vorbeiführt. Öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn lassen sich daher ganz einfach mit Wandertouren kombinieren.
  • Ganz gleich, ob man nur wenige oder viele Tage unterwegs ist – der Pilgerweg bietet wunderschöne Naturerlebnisse.
  • Testen Sie den Tourenplaner auf pilegrimsleden.no. Hier können Sie Ihre Tour planen, Karten herunterladen, eine Übersicht über Sehenswürdigkeiten erhalten und sich einen Überblick über Unterkünfte entlang des Weges verschaffen.
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