Die Geschichte der Pilgerwanderung

In den meisten Religionen ist es üblich zu pilgern. Schon immer haben die Menschen nach den Wurzeln ihrer Herkunft, der Nähe zur Ewigkeit und nach etwas, das für sie Heiligkeit bedeutet, gesucht. Orte, an denen sich Himmel und Erde näher sind als anderswo. Orte, an denen Gott ihnen näher ist und Orte, die für sie persönlich eine besondere Bedeutung haben. Deswegen ist das Ziel das Wichtigste auf einer Pilgerwanderung. Die Wanderung ist der Weg zum Ziel.

  • Foto: Sven.Erik Knoff

Die christliche Pilgertradition hat ihre Wurzeln in frühchristlicher Zeit. Für die frühen Christen war es wichtig sich an Orten aufzuhalten, wie Jerusalem und Betlehem, die in Verbindung mit Jesus standen. Das waren aber nicht die einzigen heiligen Orte. Die ersten christlichen Gemeinden hatten viele Märtyrer, die als Heilige verehrt wurden. Oft waren es Gemeindemitglieder, die die Messe mitgefeiert hatten und mit den anderen zu Gott beteten. Nach ihrem Tot, so glaubte man, stiegen sie zum Himmel auf und beteten dort vor dem Throne Gottes weiter. Deswegen war es so wichtig zu den Gräbern der Heiligen zu wandern, um während des Betens und Bittens dem Reich Gottes näher zu sein. Nach und nach gab es immer mehr Heilige und Pilgerwanderungen wurden in der ganzen christlichen Welt zur Tradition. Die Menschen suchten Trost, Heilung und Erlösung von ihren Sünden. Bald wurde es zur Sitte, dass die Kirche so manchem Büßer eine Pilgerwanderung auferlegte. So kam es dazu, dass sich einige dafür bezahlen ließen, anstelle des Büßers auf Wanderung zu gehen.

Diese Regelungen wurden zu einigen Zeiten sowohl von der Kirche selber, als auch von einzelnen Personen missbraucht. Die Reformation war eine Reaktion auf den Missbrauch, der mit Reliquien und Pilgerwanderungen betrieben wurde. Deswegen wurden jegliche Formen von Pilgerwanderungen von Luther verboten. Trotzdem verschwand der Pilgergedanke nicht aus der protestantischen Lehre. Ganz im Gegenteil. Der Pilgergedanke hat im protestantischen Denken einen ganz zentralen Platz: Das Leben wird als eine Pilgerwanderung gesehen, die ihr letztes Ziel im Reich Gottes hat. Das Buch von John Bunyans „En pilgrims vandring“ (Eine Pilgerwanderung) ist ein typisches Beispiel dafür.

Die Pilgertradition der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche ist ungebrochen, seit es die ersten Pilger in frühchristlicher Zeit gab. Heute ist die protestantische Kirche dabei, die Pilgertradition neu zu entdecken. Gerade auch weil die protestantische Kirche die Pilgerwanderung in der Offenbarung Verkündet, liegt es Nahe sich auch wieder der physischen Wanderung anzunähern.

In Nidaros, dem heutigen Trondheim, begannen sofort nach Olavs Tot im Jahr 1030 Menschen zu seinem Grab zu wandern. Schnell wurde bekannt, dass er ein heiliger Mann gewesen sein musste und schon ein Jahr nach seinem Tot, 1031, wurde er heiliggesprochen. (Die früheste schriftliche Quelle ist ein Gedicht von Torarin Lovtunges, das zwischen 1031 und 1035 verfasst wurde.) Im Laufen weniger Jahre waren die Pilgerwanderungen nach Nidaros Tradition geworden und das Pilgerziel war in ganz Europa bekannt. Zu dieser Zeit gehörte die Kirche in Nidaros zum Erzbischofsitz Hamburg/Bremen. Im Jahr 1070 schrieb der Sekretär des Bischofs, Adam von Bremen, einen Bericht über die Reise des Bischofs zu Kirchen im Norden, unter anderem auch nach Nidaros. In diesem Zusammenhang beschrieb er den Pilgerweg nach Nidaros:

„Die wichtigste Stadt der Norweger ist Trondheim. Sie ist mit Kirchen geschmückt und wird von vielen Menschen besucht. Dort liegen die sterblichen Reste des Königs und Märtyrers Olav. An seinem Grab bewirkt der Herr jeden Tag die größten Wunder. Und Menschen, die glauben dass ihnen durch die verdienstvollen Taten dieses heiligen Mannes geholfen werden kann, strömen von Nah und Fern zu seinem Grabe. Wenn man von Ålborg oder Vendsyssel in Dänemark aus segelt, kommt man im Laufe eines Tages nach Viken, einer Stadt in Norwegen. Von dort aus hält man sich nach Links und segelt die Küste entlang. Am fünften Tag kommt man zur Stadt Trondheim. Man kann auch einen anderen Weg nehmen, der von Skåne in Dänemark über Land nach Trondheim führt. Aber dieser Weg geht über das Gebirge und ist lang und gefährlich. Er wird deswegen von Reisenden gemieden.“

Trotzdem wissen wir, dass viele Pilger über das Dovrefjell wanderten, obwohl es erschöpfend und gefährlich war. Deswegen errichtete der König Øystein Magnussen im Jahr 1120 mehrere Herbergen im Dovrefjell. Die Verpflegung der Pilger war so wichtig, dass genaue Regeln dazu im „Gulatingloven“ festgeschrieben wurden. Im 13. Jahrhundert wurden Kirchen im Dovrefjell gebaut.

Als die Reformation 1537 Norwegen erreichte, wurden Pilgerwanderungen verboten. Erst im 20. Jahrhundert kamen wieder Pilger nach Nidaros. Besonders ab den 70-er und 80-er Jahren tauchten immer mehr Pilger in Nidaros auf. Der Weg zwischen Oslo und Trondheim wurde zwischen 1993 und 1997 markiert. Kronprinz Håkon eröffnete ihn am 29. Juli 1997.

Heute ist der Pilgerweg sowohl in Norwegen, als auch Dänemark und Schweden markiert und wurde vom Europarat zum  „Europäischer Kulturweg“ erklärt.